Wie sozial ist unsere Stadt wirklich? Mit dieser Frage setzte sich der Sozialwesenkurs der Jahrgangsstufe 10 in einem besonderen Unterrichtsformat auseinander: einem Erzählcafé, das Fachwissen, persönliche Erfahrungen und den direkten Dialog mit Expertinnen und Experten aus der Stadt miteinander verband. Zunächst erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler im Unterricht die verschiedenen Dimensionen des deutschen Sozialstaates. Dabei wurde schnell deutlich: Die theoretischen Grundlagen allein reichten nicht aus, um die komplexe Wirklichkeit sozialer Arbeit zu verstehen. Kritisch fragten die Jugendlichen, ob der Sozialstaat angesichts aktueller Herausforderungen ein „Upgrade“ benötige und welche Antworten es jenseits von Schulbüchern und Internetquellen geben könne. Aus diesem Impuls heraus entstand die Idee, Menschen einzuladen, die sich in Gera täglich mit sozialen Fragestellungen beschäftigen. Die Auswahl der Gäste trafen die Schülerinnen und Schüler eigenständig. Eingeladen wurden Herr Dr. Rühling (Leiter des Bildungsamtes), Frau Dr. Brehme (Leiterin des Sozialamtes), Frau Stüwe (Koordinatorin der Ehrenamtszentrale und Service GEneRAtionen), Frau Schädlich von der Geraer Tafel, Frau Franke vom Stadtsportbund sowie Frau Födisch, die unsere Schüler bereits seit vielen Jahren begleitet und unterstützt. Leider mussten Frau Franke und Frau Schädlich ihre Teilnahme absagen, doch alle weiteren Gäste folgten der Einladung sehr gern. Am 30.10.2025 um 10:00 Uhr begann das Erzählcafé in einer bewusst gemütlichen Atmosphäre: Eine gedeckte Tafel mit selbst gebackenem Gebäck, ein digitales Kaminfeuer und zwei Moderatoren – Alicia und Jule – sorgten für einen würdevollen und zugleich offenen Rahmen. Gut vorbereitet mit vielfältigen Fragen zu sozialen Herausforderungen, Entscheidungsprozessen und Zukunftsperspektiven traten die Schülerinnen und Schüler in den Dialog mit ihren Gästen. Zu Beginn zeigte sich noch eine gewisse Zurückhaltung, doch diese wich rasch einer lebendigen Gesprächskultur. Die Diskussionen wurden intensiver, persönlicher und differenzierter. Am Ende waren sich alle Beteiligten einig: Die vorgesehenen 75 Minuten reichten kaum aus, um alle Gedanken auszutauschen. Sowohl die Gäste als auch der Kurs hätten das Gespräch gern fortgesetzt. Das Format wurde von allen als sehr zielführend, respektvoll und bereichernd empfunden – weitere Treffen erscheinen ausdrücklich wünschenswert. Inhaltlich nahmen die Jugendlichen wertvolle Erkenntnisse mit: Sie lernten ihre Stadt aus neuen Perspektiven kennen, verstanden besser, warum soziale Entscheidungen oft komplex und zeitintensiv sind, und gewannen Einblicke in die vielfältigen Unterstützungsangebote vor Ort. Zugleich wurde deutlich, dass Gera sozial gut aufgestellt ist und eine starke Gemeinschaft besitzt, in der Engagement und gegenseitige Hilfe eine zentrale Rolle spielen. Dennoch zeigte sich auch ein überregionaler Blick: Bundesweit besteht ein dringender Bedarf an Weiterentwicklung des Sozialstaates. Finanzielle Engpässe, demographische Veränderungen und regionale Besonderheiten verlangen kreative und nachhaltige Lösungen, um das soziale Miteinander zwischen den Generationen langfristig zu sichern – auch in Gera. Neben den inhaltlichen Ergebnissen erwies sich vor allem die Methode des Erzählcafés als großer Gewinn. Der sachliche Austausch auf Augenhöhe eröffnete neue Horizonte, förderte gegenseitiges Verständnis und machte deutlich, wie wertvoll dialogorientierter Unterricht sein kann. Als konkretes Ergebnis des Projekts erarbeitet der Kurs derzeit einen Flyer mit dem Titel „Soziales Gera“, der soziale Anlaufstellen aus Sicht der Jugend übersichtlich und ansprechend darstellt. Dieser soll der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt werden, um jungen Menschen den Zugang zu Hilfs- und Unterstützungsangeboten zu erleichtern. So wurde aus einer Unterrichtseinheit ein lebendiger Begegnungsraum – und aus einer Frage ein gemeinsames Nachdenken über Verantwortung, Gemeinschaft und Zukunft.
Text und Bilder: Frau Thomae